Dienstag, 11. August 2015

Geboren um zu Sterben - Ein Werbekrimi (I)

Frühstück mit Unterbrechung

Der Tag fing ruhig an. Zu ruhig. Das war nie ein gutes Zeichen.
Wie üblich saß ich mit meiner Partnerin Special Agent Gitte Michel bei Barneys und trank einen großen Milchkaffee. Wir mochten den Laden. Die Sitzbänke waren bequem, der Kaffee schmeckte großartig und die Leute wollen unter sich bleiben.

Mit Gitte arbeite ich bereits seit 7 Jahren zusammen. Nach so langer Zeit kennt man die Stärken und Schwächen des anderen ganz genau. Wir sind ein gutes Team. Perfekt aufeinander abgestimmt. Eine Tatsache, die uns schon das ein oder andere Mal den Arsch gerettet hat. Wir arbeiten in der Abteilung für Gewaltverbrechen gegen Werbemittel.

Kein Job für schwache Nerven. Wir haben schon sehr viel kranken Scheiß gesehen. Aber nach einiger Zeit stumpft man ab. Das muss man auch, wenn man den Job dauerhaft machen will.
Gerade als ich mir den letzten Bissen meiner Waffel in den Mund schob, klingelte mein Telefon. „Perfektes Timing“, dachte ich bei mir und würgte den Teigklumpen runter. „Was gibt’s?“
Meine Stimme klang gereizt. Der Morgen war noch nie meine liebste Tageszeit.

Schweigend hörte ich dem Monolog des Officers am anderen Ende der Leitung zu.
„Scheiße“, dachte ich bei mir und warf Gitte einen stummen Blick über den Tisch zu. Es war nicht nötig etwas zu sagen. Sie wusste was los war. Wir hatten einen neuen Fall.
„Wir sind auf dem Weg“, brummte ich anstelle einer Verabschiedung und ließ das Telefon wieder in meine Tasche gleiten.
„Ich fahre“, sagte Gitte, schob sich ihre Ray Ban auf die Nase und war schon auf dem Weg nach draußen, als ich den letzten Schluck meines Milchkaffees hinunterschüttete.

 Des Pudels Kern

Im Auto nannte ich meiner Partnerin die Adresse. Der Verkehr zog sich wie ein zäher Kaugummi durch die Stadt. Gitte sprang geschickt in alle sich ergebenden Lücken und so erreichten wir zu meiner Überraschung bereits nach 20 Minuten unser Ziel. Die Pelotec GmbH.
Das Bürogebäude sah aus wie jedes andere. Glas und Stahl fügten sich zu einem wenig attraktiven Würfel zusammen. Wir betraten die Lobby durch eine riesige, rotierende Glastür und zückten unsere Ausweise.

„Special Agent Jürgen und Special Agent Michel. Wir werden erwartet“, sagte ich zu dem Beamten, der dazu abgestellt wurde, nur Befugte in die Nähe der Tatortes zu lassen.
„Geradeaus geht’s zu den Aufzügen, die Kollegen warten im 3. Stock auf Sie“ entgegnete der junge Mann nach einem kurzen Blick auf unsere Marken. Wir nickten ihm zu und gingen zügig auf die Aufzugtüren zu.

In der dritten Etage herrschte reges Gewimmel. „Ach, da sind die Damen ja endlich!“, empfing uns Inspector Schubert freundlich. Bei der Begrüßung verschwand meine Hand in seiner riesigen Pranke. „Haben Sie uns rufen lassen, Sir?“, fragte Gitte.
„Ja, ja, das war ich. Keine schöne Sache da drin. Ich dachte, ich könnte eure Hilfe gebrauchen“, murmelte der Inspector, während er sich mit den Fingern seinen Schnurbart entlangfuhr.
So angespannt hatte ich den Mann selten erlebt.

„Wer hat die Leiche gefunden?“, frage ich Schubert und blickte den langen Flur hinunter.
„Wir haben einen anonymen Tipp bekommen. Eine junge Frau. Wirkte ziemlich nervös am Telefon. Sie sagte wir sollten mal das Büro von Andre Anderson überprüfen.“
„Wer ist Anderson?“ Gitte hielt sich nicht lange mit Geplänkel auf, sondern kam immer direkt auf den Punkt.
„Ein leitender Angestellter hier bei Pelotec.“, antwortete der Inspector.
„Und wo ist der Typ jetzt?“
Der Inspector drehte sich um und zeigte den Gang hinunter: „Wir haben ihn in ein Besprechungszimmer gebracht. Dort wartet er darauf von euch verhört zu werden. Ein Beamter steht vor der Tür und passt auf, dass Anderson nicht versucht zu türmen.“
„Mmh... Konntet ihr herausfinden woher der Anruf kam?“, fragte ich und hatte bereits eine vage Ahnung.
Schubert nickte eifrig: „Unsere Techniker konnten den Anruf zu diesem Gebäude zurückverfolgen. Merkwürdiger Zufall, oder? Ihr solltet euch gleich mal etwas genauer mit den Angestellten unterhalten.“
„Würde mich nicht wundern, wenn wir eine nervöse junge Frau darunter finden“, entgegnete ich grinsend.

Der Inspector setzte seinen Bericht fort. „Nachdem der Tipp bei uns eingegangen ist, schickten wir gleich mal einen Schnüffler her. Officer Johansen mit seinem Hund Bronko-“
„Boris“, bemerkte Gitte sofort.
„Ähm, ja oder so.“ Der Inspector lächelte etwas verunsichert. „Jedenfalls unser Leichenspürhund Boris..“ –Schubert betonte den Namen des Tieres mit einem gütigen Blick auf Gitte – „..hat in Andersons Büro sofort angeschlagen. Direkt vor einem großen Rollcontainer.“

„Der Kleine ist einer der besten Spürhunde die ich kenne. Wenn nicht sogar der Beste“, sagte Gitte fast zu sich selbst. Meine Partnerin ist ein totaler Hundefreak. Für mich war es also keine Überraschung, dass sie so viel Wert auf den richtigen Namen des Tieres legte. Außerdem vermutete ich schon seit einer Weile, dass sie eine kleine Affäre mit Officer Johansen hat.

Wir verabschiedeten uns kurz vom Inspector und liefen in Richtung Zimmer 307, Andersons Büro. Der dicke, weiche Teppich dämpfte unsere raschen Schritte. 
„Was tun die hier eigentlich?“
„Ich glaube Pelotec macht irgendwas mit IT-Einrichtung und Datenverwaltung“, antwortete ich meiner Partnerin.
„Dann sollten wir also vom Schlimmsten ausgehen“, entgegnete Gitte mit einem tiefen Seufzer.
„Wenn du Glück hast, sind zumindest Johansen und sein Vierbeiner noch vor Ort“, sagte ich mit einem Zwinkern zu Gitte. Ich bemerkte ihr Grinsen, auch wenn sie es vor mir zu verbergen versuchte.

Kopfüber ins Vergnügen

Da standen wir nun. Im Büro von Andre Anderson. Um uns wuselten die Leute von der Spurensicherung. Der Gerichtsmediziner Dr. Daniel Broistedt war auch bereits da und steckte bis zum Hals in einem Rollcontainer, der in der hintersten Ecke von Andersons Büro stand.

„Ich guck mich erst mal um, rede du doch schon mal mit dem Doc“, sagte Gitte zu mir und wandte sich ab. Ich folgte ihr mit dem Blick und entdeckte Johansen. Gitte ging in die Hocke, begrüßte zuerst den Hund und zauberte ein Leckerli aus der Anzugtasche. Erst dann stand sie auf, um Johansen die Hand zu geben. Ich lächelte in mich hinein und trat näher an den Container.

„Hi Doc!“ Ich erhob meine Stimme, sodass der Mediziner mich bemerkte. Mit einem Ruck riss Broistedt den Kopf hoch und knallte an die obere Schrankwand. Fluchend rappelte er sich auf und rieb sich mit der Hand den Hinterkopf.
„Hallo Special Agent! Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“ Lächelnd schüttelte ich dem Doc den Ellenbogen. Den latexbedeckten Händen wollte ich besser nicht zu nahe kommen. „Na was haben Sie da Schönes im Schrank entdeckt?“

„Die Leiche ist in keinem guten Zustand. Wenn ich mir die Staubentwicklung und die Beschaffenheit des Papiers ansehe, schätze ich, sie liegt hier schon seit über 7 Jahren.“
Ich verzog angewidert das Gesicht. Wie kann jemand nur jeden Tag zur Arbeit kommen und in aller Ruhe an diesem Schreibtisch sitzen, wenn er ganz genau weiß, dass hinter ihm eine Leiche vor sich hin fault? Eine Frage, auf die ich während der vielen Jahre in meinem Job immer noch keine Antwort gefunden habe.
„Ich war gerade dabei sie aus dem Schrank zu holen. Sie können gern hierbleiben und zusehen. Vielleicht kann ich Ihnen dann gleich mehr sagen.“
Mit diesen Worten war der Gerichtsmediziner auch schon wieder im Rollcontainer verschwunden. Als er wieder zum Vorschein kam, hielt Broistedt eine vergilbte Imagebroschüre der Pelotec GmbH in der Hand.
Er drehte das Heft langsam in den Händen und stockte plötzlich mitten in der Bewegung. „Da! Sehen Sie das?“

Ich trat näher und schaute Broistedt über die Schulter. Unten rechts auf dem Umschlag stand Januar 2008. „Da haben Sie mit ihrer Schätzung ja mal wieder genau richtig gelegen“, murmelte ich ihm zu, während ich die Broschüre genauer in Augenschein nahm.
„Können Sie mir schon etwas zur Todesursache sagen?“
„Das ist ohne genaue Untersuchung schwer festzumachen, aber die Indizien weisen auf Tod durch Belanglosigkeit hin. Mehr kann ich Ihnen in ein paar Stunden sagen. Ich lasse die Überreste sofort in mein Büro bringen und beginne dann unverzüglich mit der Untersuchung.“

„Danke Doc, das weiß ich sehr zu schätzen“, verabschiedete ich mich von Broistedt und sah mich nach Gitte um.

Weiter geht's am Donnerstag, den 13.08.2015 mit dem II. Teil unseres Werbekrimis! Nicht verpassen :)