Donnerstag, 13. August 2015

Geboren um zu Sterben – Ein Werbekrimi (II)

Fortsetzung...

Das zwitschernde Vögelchen

„Nadine! Komm mal her. Hier gibt es jemandem, mit dem du dich unterhalten solltest“, rief Gitte mich über den Flur zu sich. Nach ein paar Schritten betrat ich ein schlichtes Büro. Meine Partnerin und eine junge Frau warteten dort auf mich.

„Ich habe mich bereits mit den Angestellten unterhalten. Die meisten konnten wenig bis nichts zu der Sache sagen. Das Gespräch mit Frau Christina Klein, der neuen Praktikantin von Pelotec, war da schon durchaus interessanter“, informierte Gitte mich.
Daraufhin trat sie näher an die junge Frau heran und ging vor ihr in die Hocke. „Erzähl meiner Partnerin einfach genau das, was du mir auch erzählt hast“, ermutigte Gitte die Praktikantin und lächelte ihr aufmunternd zu.

„Also.. ich arbeite erst seit 2 Wochen hier. Ich hatte Angst meinen Job zu verlieren“, stotterte sie nervös.
„Ganz ruhig Christina“, sagte ich. „Wieso hattest du Angst deinen Job zu verlieren?“
„Naja, ich hab letzte Woche etwas in Mr. Andersons Büro entdeckt. Er wies mich an, einige Unterlagen für ihn zu archivieren. Deshalb musste ich an den großen Rollcontainer. Und da, ganz hinten in der Ecke…“, die Stimme der Praktikantin wurde brüchig. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie schlug ihre Hände vors Gesicht.
Gitte strich der jungen Frau langsam über den Rücken, bis sich das Schluchzen legte. „Ist schon ok Christina, wir wissen wie furchtbar so eine Erfahrung sein kann. Was hast du dann getan?“, fragte Gitte sie leise.

„Erst mal gar nichts. Ich war total geschockt und traute mich nicht, mit irgendjemandem darüber zu reden. Ich bin erst neu hier und würde bestimmt sofort gefeuert werden!
Aber nach ein paar Tagen wusste ich einfach, dass ich nicht damit leben könnte, die Sache nicht zu melden. Also habe ich mir das Handy eines Kollegen ausgeliehen, die Rufnummer-Übertragung deaktiviert und bei der Polizei angerufen.“
Verschämt senkte die junge Frau die Augen und starrte auf den grauen Teppichboden zwischen ihren Füßen.
„Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Christina. Es war richtig von ihnen, den Fund zu melden“, beruhigte Gitte die immer noch sichtlich verunsicherte Angestellte.


 Auge in Auge

„Das erklärt so einiges“, sagte ich zu meiner Partnerin. Wir verließen das kleine Büro und machten uns auf den Weg zum Besprechungsraum, in dem Anderson auf uns wartete.
Ein Officer saß auf einem Stuhl vor der riesigen Glastür und laß Zeitung. Ich räusperte mich und wartete darauf, von dem Polizisten bemerkt zu werden. „Ja?“, fragte der betagte Kollege barsch.
„Wir wollen mit Anderson sprechen. Jetzt.“, ich deutete auf den Mann im maßgeschneiderten grauen Anzug auf der anderen Seite der Tür.

„Das kann ja sein, aber ich hab die Order niemanden zu diesem Typen zu lassen.“
Ich hielt ihm ohne ein weiteres Wort meine Marke vors Gesicht. „Oh..“, stieß er erschrocken aus, stand sofort auf und öffnete uns die Tür.
Wir betraten den hellen Konferenzraum. Die Fensterfront bot eine ganz ansehnliche Sicht über die Stadt. Dass Anderson nervös war, sah ich auf einen Blick. Der Mann schwitzte und rutschte unruhig auf dem dicken Polsterstuhl herum.

„Guten Tag Herr Anderson. Mein Name ist Special Agent Nadine Jürgen. Das ist meine Partnerin Special Agent Gitte Michel. Wir sind von der Abteilung Gewaltverbrechen gegenüber Werbemitteln“, sagte ich meine üblichen Einführungsworte auf.
„Ge..Ge..Gewaltverbrechen? Aber, aber… ich habe doch nichts getan! Was wollen Sie überhaupt von mir?“, stotterte der Angestellte mit bleichem Gesicht.
„In ihrem Büro wurde eine Werbeleiche gefunden, Herr Anderson. Mich würde interessieren, ob Sie uns das erklären können“, erwiderte ich völlig emotionslos.

„Sie meinen die uralte Imagebroschüre? Wie haben Sie denn davon erfahren?“
„Das tut nichts zur Sache, Herr Anderson.“ Langsam verlor ich die Geduld. „Wenn Sie uns nicht sofort sagen, was wir wissen wollen, können wir Sie auch gern mit in einen unserer Verhörräume nehmen. Und ich garantiere Ihnen, der hat nicht so eine schöne Aussicht.“
„Ok, ok..“ Anderson schlug die Augen nieder und starrte auf die Tischkante. Langsam und stockend begann er schließlich zu reden. „Ich wollte den Chef beeindrucken. So einfach ist das. Deshalb habe ich diese Imagebroschüre in Auftrag gegeben.“
Ich sagte nichts. In einer Verhörsituation ist die Stille oft das wirksamste Mittel, um Menschen zum Reden zu bringen.
Anderson machte zwar immer wieder längere Pausen zwischen den Sätzen, aber schließlich erzählte er uns alles.

„Unsere Kunden waren mir völlig egal. Mir war nur wichtig, dass die Pelotec GmbH im besten Licht dasteht“, flüsterte Anderson und begann leise zu schluchzen. 
„Sie geben also zu, dass Sie bei der Entwicklung der Broschüre nicht an den Nutzen für ihre Kunden gedacht haben?“, fragte ich den zusammengekrümmten Mann auf der anderen Seite des Tisches.
„Ja.“
 „Wegen ihrem Egoismus wurde viel Geld zum Fenster herausgeworfen. Statt ihrem Unternehmen zu helfen, haben Sie genau das Gegenteil erreicht. Sie haben der Pelotec GmbH geschadet.
Nur gut, dass die Broschüre so gut wie niemand zu sehen bekommen hat. Übersteigertes Eigenlob kann dem Image eines Unternehmens erheblich schaden. Glück im Unglück, Anderson.
Hatten Sie überhaupt einen Plan, wie das Heft zu ihren Kunden gelangen sollte?“

„Darüber hatte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht“, gestand Anderson kleinlaut.
Ich sah zu Gitte hinüber. „Andre Anderson, wir verhaften Sie wegen vorsätzlichem Mord an einer Broschüre und fahrlässiger Imageschädigung gegenüber der Pelotec GmbH. Sie haben das Recht zu Schweigen. Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann gegen sie verwendet werden“, mit diesen Worten legte meine Partnerin dem Angestellten die Handschellen an.

Epilog

„Ich bin froh, dass wir den Fall so schnell aufklären konnten“, sagte ich zu Gitte als wir einige Stunden später wieder bei Barneys saßen.
„Ich auch. Die Beweise waren einfach zu erdrückend. Anderson blieb gar keine andere Wahl, als zu gestehen.
Ich hab vorhin erfahren, dass der Praktikantin, Christina Klein, ein fester Job bei Pelotec angeboten worden ist. Der Chef war wohl ziemlich beeindruckt von ihrer Courage.“

„Ehrlich? Oh das freut mich aber. Wie hast du denn davon erfahren?“
„Ach, Officer Johansen, der Hundeführer, hat mir vorhin eine Nachricht geschickt“, erklärte Gitte ziemlich beiläufig.

Ich sah sie mit großen Augen an. „Sag mal, was genau läuft da eigentlich zwischen dir und diesem Typen?“
Mit einem Lächeln auf den Lippen begann sie zu erzählen.


ENDE